„Wie, ihr habt kein Stammesheim? Wo trefft ihr euch denn dann?“

Wenn das Thema aufkommt, beispielsweise bei Aktionen auf LV-Ebene, gibt es erst mal schockierte Blicke. Der Umstand ist schon lange ein Running-Gag. „Ah das könnten wir im Stammesheim aufhängen – wenn wir eins hätten.“

Im Stammesheim pflegt man die kleinen und großen Gemeinschaften eines Stammes. Die Stammesführung kann nach ihrem Treffen die Tagesordnung für den kommenden Stammesrat hängen lassen. Es existiert eine kleine Bibliothek mit Spielesammlung, Wanderkarten und Handbüchern. Große Aktionen werden zentral geplant und archiviert, der Abschluss des Videoprojekts der Sippe wird mit großer Vernissage gefeiert. Zeltmaterial und Bastelzeug ist frei für alle zugänglich, man kann sich spontan zum Singe-Abend verabreden oder trifft sich einfach mal zum Quatschen. Ein Stammesheim bietet Rückzugs- und gleichzeitig Entwicklungsraum für alle zusammen und jeden einzeln. Leider ist das zur Zeit nur eine Utopie für uns.

Es macht die Arbeit schwer. Das Stammesheim ist Dreh- und Angelpunkt eines jeden Stammes. Es bietet die Basis allen Handelns und trägt maßgeblich zu einem gelungenen Pfadi-Alltag bei. Gruppenstunden, Stammesräte, Planungstreffen, Materiallager oder einfach mal mit der Runde chillen – für viele dieser Aktivitäten haben wir Lösungen gefunden, aber die Suche hört niemals auf.

Wie gehen wir damit um? Wie gestalten wir unsere Arbeit darum herum?

Wir sind erfinderisch geworden. Die wichtigste Frage: Wo finden die Gruppenstunden statt? Für mich fühlt sich das schon ganz normal an, es ist ein zyklischer Ablauf im Jahresgeschehen. Im Frühling, wenn die Tage länger werden und die Sonne wieder scheint, gehen wir nach draußen. In Parks, in Wäldern und auf einer Wiesenfläche, die sich der Stamm seit ein paar Jahren mit einem Bauspielplatz teilt, treffen wir uns jede Woche an der frischen Luft. So hat Stamm LEO schon alle Parks der Stadt belagert. Solange, bis der Herbst kommt und wir im Oktober wieder nach Winterquartieren für ca. 8 Gruppen suchen. Dafür mieten wir uns bei anderen Vereinen und Initiativen in der ganzen Stadt verteilt Räume, die wir für drei bis vier Monate für die Gruppenstunden nutzen können.

Der Stammesrat findet im Sommer im Clara-Zetkin-Park auf der Wiese statt, im Winter nutzen wir die Räume des Stadtjugendrings. Für alle anderen Aktionen müssen ebenfalls gemietete oder geliehene Räume herhalten, wir haben schon Schulmensen, Büroräume und Wohnzimmer in Beschlag genommen. Das Stammesmaterial wird seit 2021 in
den Räumen eines befreundeten Vereins gelagert, doch auch dort müssen wir bald ausziehen.

Wie kam es dazu und welche Vorhaben gab es?

Da unser Stamm schon so lange ohne Heim dasteht, sind die Ursprünge, wie es eigentlich dazu gekommen ist, bei aktuell Aktiven im Stamm längst in Vergessenheit geraten. Einige Telefonate mit älteren und noch älteren Stammesmitgliedern bringen zumindest etwas Klarheit: Bis ins Jahr 2005 hatte der Stamm wohl noch ein Heim
in einem Waldstück im Leipziger Osten, bis die Stadt das Gelände selbst benötigte und wir es nicht mehr nutzen konnten. Heute steht dort ein Kindergarten – immerhin! Danach haben wir für ca. 10 Jahre einen Teil eines Jugendclubs genutzt, primär als Materiallager. Dieses fiel 2015 jedoch einem Material-Raubzug zum Opfer. Generell ging es in dieser Location eher raubeinig zu: Der Jugendclub wurde oft beschädigt, die Fenster eingeworfen – kein Ort für ein ruhiges, besinnliches Zuhause.

Unsere bisherigen Bemühungen waren vielfältig und kreativ, aber brachten häufig nur Interimslösungen: 2015 hatte meine damalige Sippe das Projekt, mit der Hilfe eines Erwachsenen einen Bauwagen selbst zu bauen. Den Wagen zusammenzuzimmern hat unglaublich viel Spaß gemacht und bot natürlich umfangreiches und altersgerechtes
Programm für eine ältere Sippe. Leider scheiterte es trotz einiger Hauruck-Aktionen immer wieder an der Finalisierung des Bauwagens, der sich aufgrund seiner unzureichenden Größe auch nicht wirklich für Gruppenstunden oder gar ein Materiallager eignete. Schließlich haben wir ihn 2019, immerhin mit Gewinn, an den Hausmeister eines Leipziger Technoclubs verkauft.

Die Gründung des AK Stammesheim im Jahr 2018 brachte neue Bewegung in die Suche: dieser erarbeitete ein
offizielles Dokument, um an städtische Institutionen heranzutreten und unser Problem generell anderen Gruppen, Projekten oder Organisationen außerhalb des Pfadi-Kontextes zu schildern. Im September 2020 wurde außerdem ein Förderverein gegründet. Hauptsächlich bestehend aus Pfadi-Eltern, kümmert sich unser Förderverein um das Heranziehen externer Förderungen, hält Ausschau nach Räumen und unterstützt uns in vielen Fragen. Zwischendurch
hatten wir auch einen Kleingarten gepachtet und nutzen diesen für Gruppenstunden oder Aktionen. Der Garten befand sich leider etwas außerhalb und war schwierig zu erreichen, weshalb es sehr aufwändig war, sich gut um den Garten zu kümmern. Nun aber wird der Kleingarten privat von einem Stammesmitglied ausgiebig genutzt!

Blick in die Zukunft – Wird es bald ein Zuhause für uns geben?

Seit ein paar Monaten haben wir eine für uns passende und preiswerte Bürofläche gefunden, die jedoch erst renoviert werden muss. Bis dahin können wir diese leider nicht mieten, und so geht das Ringen um Interimslösungen zumindest noch in dieser Wintersaison weiter. Seitens der Stadt steht aber eine Förderung für Räumlichkeiten in Aussicht, ein Budget ist also inzwischen vorhanden. Der Förderverein und der Stamm halten stets Ausschau nach Flächen – aber in Leipzig geeignete (und vor allem bezahlbare) Räume zu finden ist sehr schwer. Da unser Stamm mit 112 Mitgliedern auch nicht gerade klein ist und etwas Platz braucht, grenzt das die möglichen Objekte weiter ein. Nach fast 20 Jahren ohne Zuhause sehnen wir uns jedenfalls nach einer passenden Lösung, mit der sich der Stamm wohlfühlt. Das Suchen und Bespielen von Übergangslösungen zehrt unglaublich viel Energie – gerade, wenn wir aufgrund unserer vielen Gruppen mehrere kleine Räume gleichzeitig nutzen müssen. Wir sind aber zuversichtlich für die Zukunft und vor allem stolz auf unsere Beharrlichkeit. Auch ohne das wundervolle und identitätsstiftende Stammesheim unserer Träume haben wir eine gute Zeit und sind auf den vielen Straßen dieser Welt Stadt zu Hause!

 

Pirmin Richter (Pürre) und Ronja Opel (Sprudl) aus dem Stamm LEO

 

Bauwagen auf dem Gelände der Stiftung Ecken Wecken

 

Jugendclub

Schlagwörter: , , , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar